Nachruf Dr. Andreas Reichert (21.8.1937-17.12.2012)

Die Mitglieder der Julius Euting-Gesellschaft trauern um Dr. Andreas Reichert, der kurz vor dem Jahresende 2012 in Eningen unter Achalm nach langer und schwerer Krankheit verstarb. Andreas Reichert war nicht nur Initiator und Gründungsmitglied der Julius Euting-Gesellschaft, sondern von Anbeginn bis zu seinem Tod unermüdlicher wissenschaftlicher Beauftragter und Schriftführer der Gesellschaft. Anlässlich seines 70. Geburtstags wurde er im Jahre 2007 zum Ehrenmitglied ernannt.
Andreas Reichert, am 21. August 1937 in Berlin geboren, verbrachte dort seine Kindheit bis die Familie während des Zweiten Weltkriegs zunächst ins Wartheland, dann ins Allgäu evakuiert wurde. Im Jahr 1948 kehrte Andreas Reichert nach Berlin zurück und nahm dort 1956 das Studium der Theologie auf. Weitere Studienorte waren für jeweils ein Jahr Göttingen, Zürich und Jerusalem. Nach dem Ende des Studienjahres 1960/61 in Jerusalem unternahm er eine lange Studienreise durch die arabischen Länder, kehrte danach nach Berlin zurück, wo er 1963 die erste theologische Staatsprüfung ablegte. Im gleichen Jahr wechselte er auf eine Assistentenstelle nach Tübingen, wo er 1972 mit einer alttestamentarischen Arbeit über den Jehowisten und die so genannten deuteronomistischen Erweiterungen im Buch Exodus promoviert wurde. Tübingen blieb der Ort seines akademischen Wirkens. In seinen Lehrveranstaltungen zum Alten und Neuen Testament betreute Andreas Reichert Generationen von Theologiestudenten, die ihn als souveränen Hochschullehrer schätzten, der eine große Begabung dafür hatte, auch komplexe Themen anschaulich und verständlich zu vermitteln. Seit seiner Promotionszeit hatte er mit großem Wissensdurst und voller Reiselust regelmäßig die Länder der Bibel besucht, an archäologischen Ausgrabungen teilgenommen sowie Fachexkursionen geleitet und dadurch unter Beweis gestellt, dass dem Theologen Reichert nicht nur die textliche, sondern auch die materielle Überlieferung am Herzen lag. Auf Reisen, auf Konferenzen, aber auch im akademischen Leben an der Universität lernte er zahlreiche Kollegen aus der ganzen Welt kennen – Freundschaften, die er mit großer Hingabe pflegte, und Kontakte, die er mit viel Geschick gerade auch für die Julius Euting-Gesellschaft einzusetzen wusste.
Spätestens seit den Vorbereitungen zum Tübinger Euting-Symposium im Sommer 1999 hat er sich intensiver mit dem Wirken und der Persönlichkeit des Orientalisten und Forschungs-reisenden Julius Euting beschäftigt. Im Dezember 2004 erfüllte sich für Andreas Reichert dann ein lange gehegter Wunsch: In Berlin kam es am 100. Geburtstag von Irmgard Euting – einer Großnichte von Julius Euting – zur Gründung der Julius Euting-Gesellschaft. Andreas Reichert hat sich seit dieser Zeit nicht nur als Schriftführer und wissenschaftlicher Berater der Gesellschaft ausgezeichnet; er war geradezu die Triebfeder der Julius Euting-Gesellschaft und ihr Botschafter in aller Welt, der unerlässlich und mit hohem persönlichen Einsatz die Aufarbeitung des wissenschaftlichen Nachlasses und Vermächtnisses Julius Eutings vorantrieb. In zahlreichen Publikationen und Vorträgen, aber gerade auch auf den jährlichen Mitgliederversammlungen der Julius Euting-Gesellschaft brachte Andreas Reichert die Welt und Umwelt von Julius Euting einem großen Publikum in spannender und aufschlussreicher Präsentation nahe.
Jährliche Reisen in den Nahen Osten und die stetige Beschäftigung mit ‚seinem’ Julius Euting gaben Andreas Reichert immer wieder neue Kraft, Zuversicht und Lebensfreude. So war es ihm ein wichtiges Anliegen, auch als sich sein Gesundheitszustand bereits verschlechterte, möglichst viele Reisen zu unternehmen. Noch im Dezember 2011 nahm er an einer Nilkreuzfahrt auf einem historischen Segelschiff teil; die dort gesammelten Eindrücke ließen ihn seine gesundheitlichen Probleme wenn schon nicht vergessen, so doch leichter ertragen. Die Kuratoren und Mitglieder der Julius Euting-Gesellschaft verlieren mit Andreas Reichert nicht nur den sicherlich größten Kenner Julius Eutings, sondern auch ein ausgesprochen engagiertes Ehrenmitglied und einen guten Freund.

31. Januar 2013
für die Julius Euting-Gesellschaft
Johannes Ernst

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